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Es ist kompliziert…

Ja, ich weiß. Eigentlich habe ich bei Gründung dieses Blogs vor etwas über einem Jahr angekündigt, dass er in erster Linie vom Denken und Problemlösen handeln würde. In letzter Zeit häufen sich aber eher philosophische Beiträge, bei denen es um die Beschränkungen der Modelle geht, die mir beim Selbststudium zu diesen Themen begegnet sind.

Das ist kein Zufall, denn je mehr ich mich mit der Materie beschäftigt habe, desto größer ist meine Unzufriedenheit geworden. Die Antworten, nach denen ich gesucht habe, habe ich nämlich häufig nicht gefunden. Im heutigen Beitrag will ich versuchen, dieses Problem ein wenig aufzuarbeiten (und dabei hoffentlich nicht zu esoterisch werden). Wie üblich werde ich dabei verschiedene Themen miteinander in Beziehung setzen in der Hoffnung, dass nicht nur für mich, sondern auch für den Leser ein Zusammenhang erkennbar wird.

Beispiel 1: Das Gehirn

Eine meiner Motivationen, von denen ich ja schon im Eröffnungspost des Blogs erzählt habe, ist es, das menschliche Denken besser zu verstehen. Leider ist mir das nur in sehr begrenztem Ausmaß gelungen. Und was noch schlimmer ist: Ich habe gelernt, dass mir die Wissenschaft die Antworten, nach denen ich suche, zum jetzigen Zeitpunkt auch gar nicht geben kann.

So weiß man mittlerweile einiges (aber längst noch nicht alles) über den Aufbau des Gehirns. Die Funktionsweise von Neuronen und Synapsen ist weitgehend bekannt, und man weiß, welche kognitiven Prozesse vorwiegend in welchem Teil des Gehirns stattfinden.

Auch gibt es ansprechende Modelle des menschlichen Denkens wie etwa das von Newell und Simon, das ich in den Einträgen über das Problemlösen als Suchproblem und über Gedanken zum Suchraum-Modell diskutiert habe. Ich finde es unmittelbar einleuchtend, und man kann so manche Alltagsbeobachtung zum Problemlösen damit erklären. Nur kann man es (wie dort bereits beschrieben) nicht wirklich auf die Funktionsweise unseres Gehirns zurückführen – wenn man beim Denken ins Gehirn schauen könnte, würde man eben nirgends einen Suchbaum finden. Die Brücke zwischen dem Denkmodell und der tatsächlichen „Hardware“ fehlt also, und es ist zweifelhaft, ob das Modell überhaupt stimmt.

Zur Erinnerung: Zu Zeiten, als man noch davon überzeugt war, dass sich die Erde um die Sonne drehte, war man auch in er Lage, erstaunlich präzise Vorhersagen über die Position der Gestirne zu machen. Auch hier war die Erklärung intuitiv einleuchtend, die Vorhersagen akzeptabel – nur das Modell war, wie wir heute wissen, völlig falsch.

Beispiel 2: Entscheidungstheorie, Spieltheorie, Ethik

Ein anderes Thema im Umfeld dieses Blogs ist die Frage, wie wir Entscheidungen treffen sollten – bei bekannten Bedingungen, unter Unsicherheit und ggf. sogar im Zusammenspiel oder Wettbewerb mit mehreren Beteiligten, die unterschiedliche Präferenzen und Ziele haben. Hiermit befassen sich die Disziplinen der Entscheidungstheorie (bei nur einem Entscheider) und der Spieltheorie (bei mehreren Entscheidern).

Und auch hier haben wir schicke Modelle für stark vereinfachte Situationen, die zwar beim Verständnis der Grundproblematik helfen, aber nur selten praktisch nutzbar sind. Für kleine Entscheidungsprobleme sind sie schlicht zu aufwändig, und für große Entscheidungsprobleme sind sie nicht berechenbar. In beiden Fällen stellt sich heraus, dass unsere Intuition oft die besseren Antworten gibt. Aber warum sie das tut, wissen wir auch nicht nicht.

Gravierende Folgen hat dies übrigens in der Ethik, denn die meisten ethischen Denkschulen (außer der absoluten Pflichtethik, nach der aber so gut wie niemand lebt) erfordern ein Abwägen möglicher Konsequenzen, und genau dieses Abwägen funktioniert aus den genannten Gründen nicht. Wenn selbst Experten der Entscheidungs- und Spieltheorie unter Einsatz leistungsfähiger Soft- und Hardware solche Entscheidungen für realistische Situationen nicht treffen können – wie soll dann ein einfacher menschlicher Entscheider danach handeln? Also ziehen sich sogar Berufsethiker auf naive, leicht zu modellierende Annahmen zurück und verspielen so beispielsweise in der aktuellen Corona-Diskussion die Akzeptanz für ihre Disziplin in der Bevölkerung.

Beispiel 3: Wirtschaft

Und noch ein Beispiel: Die vorherrschende Philosophie in der Wirtschaftswelt ist immer noch die, dass einfach jeder seinen eigenen Nutzen maximieren möge und dass auf diese Weise das bestmögliche Ergebnis für alle erzielt würde. Westliche Volkswirtschaften werden tendenziell (wenn auch nicht in Reinform) nach diesem Prinzip organisiert, obwohl Spieltheorie und Verhaltensökonomik diese These in den letzten 80 Jahren wiederholt widerlegt haben.

Und nicht nur das: Auch Organisationen wie Unternehmen oder Behörden werden zunehmend nach diesem Prinzip organisiert. Jede Abteilung, jede Gruppe wird einzeln optimiert, was dazu führt, dass man nicht mehr das Große und Ganze im Blick hat, sondern den Vorteil der eigenen Gruppe zu Lasten der anderen verfolgt. Erneut ist es die Spieltheorie, die zahlreiche Beispiele dafür liefert, dass auf diese Weise keinesfalls das Wohl der Gesamtheit maximiert wird, und eigentlich weiß auch jeder Fußballspieler, dass eine Mannschaft aus 11 Egoisten kein Spiel gewinnt, aber auf die betriebliche (oder gesellschaftliche) Praxis hat das erstaunlich wenig Auswirkungen. Was natürlich auch daran liegt, dass erneut niemand weiß, wie man es sonst machen sollte – das Treffen der richtigen Teilentscheidungen zur Maximierung des Gemeinnutzens ist für gewöhnlich jenseits von allem, was modellier- oder berechenbar wäre.

Das Problem der Wissenschaft

Was nun haben diese Beispiele gemein? In allen Fällen – und ich könnte noch viele weitere nennen – stößt die Wissenschaft an ihre Grenzen. Die eigentliche Fragestellung erweist sich als deutlich zu kompliziert, um mit den aktuellen Mitteln gelöst zu werden. Und dann tut man, was in der Vergangenheit (beispielsweise in Physik und Chemie) so gut funktioniert hat: Man zerlegt das Problem in kleinstmögliche Teile und versucht, diese zu verstehen oder zu optimieren in der Hoffnung, dass sich dann auch das Gesamtproblem löst:

  • Wir verstehen nicht, wie unser Denken funktioniert? Dann zoomen wir eben in unser Gehirn hinein und versuchen, die Funktionsweise von Neuronen und Synapsen (oder gleich der DNA) zu verstehen. Wogegen zunächst einmal nichts spricht, außer wenn wir dabei aus dem Blick verlieren, was wir eigentlich wissen wollten.
  • Wir wollen wissen, wie wir richtig entscheiden? Dann erstellen wir ein Entscheidungsmodell, vereinfachen überall (damit es modellierbar bleibt) und ignorieren dabei zahlreiche Faktoren, die aber eigentlich eine Rolle spielen. Das Ergebnis ist dann leider anfechtbar, weil es andere Modelle mit anderen Vereinfachungen gibt, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen.
  • Wir wissen nicht, wie wir eine Organisation (sei es eine Firma, eine Behörde oder einen Staat) führen sollen? Dann zerlegen wir sie in kleine Teile, lassen jeden sich selbst optimieren und hoffen dann darauf, dass durch Magie (auch bekannt als „Die unsichtbare Hand des Marktes“) etwas Gutes dabei herauskommt.

Dieses Zerlegen in kleine Teile (Informatiker würden sagen: Divide and Conquer, Wissenschaftstheoretiker sprechen von Reduktionismus) ist so allgegenwärtig, dass wir es kaum noch bemerken. Es hat nur den Nachteil, dass es nirgendwo richtig funktioniert, wo das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. In der Sprache der Mathematik gesprochen: Wenn die Funktion, die wir hier berechnen wollen, nicht linear ist. Und das ist sie in der wirklichen Welt so gut wie nie.

Seit ungefähr hundert Jahren gibt es Wissenschaftsdisziplinen, die versuchen, sich mit diesen komplexen, nichtlinearen Systemen zu beschäftigen. Sie ändern immer mal wieder die Bezeichnung – in den 1940er Jahren sprach man beispielsweise von Systemtheorie und Kybernetik, später von Dynamischen oder Nichtlinearen Systemen, heute dominiert die Bezeichnung Komplexitätstheorie. Und diese wird in den nächsten Beitragen eine zentrale Rolle spielen, bis ich hoffentlich in ein paar Wochen mit meinen Erkärungen dort lande, wo ich in der nächsten Zeit forschend tätig werden möchte.

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